2. Urbane Konzepte und die Stadt als Bühne

2.1 Die Stadt als Körper der Gesellschaft

Die Stadt ist für jede Gesellschaft funktional dadurch definiert, dass sie das Zusammenleben miteinander unbekannter Menschen ermöglicht. Die Stadt ist der Körper der Gesellschaft. Sie ist der Ort, an dem die verteilte Struktur und die verdichtete Kultur einer Gesellschaft zu einer spannungsvollen Einheit finden. Sie ist der Ort, an dem das Verhältnis einer Gesellschaft zu sich selbst wahrnehmbar wird. Diesen Ausgangspunkt formuliert der Soziologe und Kulturtheoretiker Dirk Baecker in seinem „Next City Pflichtenheft – Besser wissen, besser wollen“ (2009).  Seine Überlegungen bildeten eine Folie des Nachdenkens und Recherchierens für das Projekt „Stadt.Plan.2020“:



Die antike Stadt der Schriftgesellschaft ist die monumentale Stadt. Mauer, Bauten und Markplatz veranschaulichen die Herrschaftsstruktur der Gesellschaft im Verhältnis zum Land und zum Wettbewerb. Die moderne Stadt der Buchdruckgesellschaft ist die funktionale Stadt. Nutzungsflächen, Straßen und Massenmedien veranschaulichen die Sachordnung der Gesellschaft im Verhältnis zum prekären Gleichgewicht ihrer Arbeitsteilung. Die nächste Stadt der Computergesellschaft ist die virtuelle Stadt. Protokollzonen, Netzwerke und Grenzflächen veranschaulichen die Selbstorganisation einer Gesellschaft im Verhältnis zur Medialität ihrer Formen.

"Mauer, Bauten und Marktplatz", "Nutzungsflächen, Straßen und Massenmedien", "Protokollzonen, Netzwerke und Grenzflächen" sind hier als Stellvertreter angesprochen, die deutlich machen, was es heißt, eine Stadt als einen symbiotischen Mechanismus zu verstehen, der Bewusstsein, Wahrnehmung und Körper an je unterschiedliche Differenzierungsformen der Gesellschaft bindet. Diese Bindung ist keine Fesselung, sondern eine Festlegung auf wieder auflösbare Beziehungen. Die antike Stadt ist insofern eine monumentale Stadt (lat. monere, erinnern), als sie die in der Antike noch verfügbare repräsentative Ordnung der Gesellschaft in den Monumenten der Macht (Tempel und Paläste) und des Schutzes, den die Macht gewährt (Mauern und Plätze), anschaulich macht, vorführt und so erinnert. Und sie ist auch insofern monumentale Stadt, als jedes Monument mit vorführt, an wen es sich wendet, nämlich an die Feinde vor den Mauern der Stadt ebenso wie an die Bürger in ihren Häusern, an die Gläubigen in den Tempeln, an die Besucher der Bäder, des Theaters und des Zirkus und an die Kaufleute und Kunden auf den Marktplätzen, die allesamt durch jeden Blick in die Runde daran erinnert werden, wo sie sich befinden und wem sie ihren Schutz verdanken. Der Satz des Fürsten "protego ergo obligo" (Carl Schmitt) beziehungsweise, bereits partizipativ gewendet, "protego ergo sum" (Alexander Kluge) definiert hier das Gesetz der Dinge. Die moderne Stadt ist eine funktionale Stadt (lat. functio, die Verrichtung), insofern hier vor allem anschaulich ist und erfahrbar gemacht wird, was man in ihr tun kann (Nutzungsflächen), wie man miteinander in Verbindung steht (Straßen) und mit welchen Angeboten man wen unter Umständen erreichen kann (Massenmedien). Monumente wirken jetzt nur noch ornamental, so sehr sie die Blicke auf sich ziehen und vermuten lassen, dass es immer noch jemanden gibt, der eine möglicherweise unzulässige Macht ausübt. Alle entscheidenden Informationen auch über eventuelle Schutzmechanismen, derer man im Umgang mit den Risiken und Gefahren der nationalen und globalen Konkurrenz nach wie vor bedarf, bezieht man aus den Massenmedien. News, so stellte die Chicagoer Stadtsoziologie (Robert E. Park, Ernest W. Burgess, Roderick D. McKenzie, The City,1967) fest, verknüpfen das Verschiedene miteinander, neighborhoods stiften Gemeinschaft, professions versorgen mit in der Moderne noch brauchbaren, auf Arbeit ebenso wie auf Autorität bezogene Identitäten und markets erlauben es, Knappheiten auszuprobieren und mit ihnen zu handeln. Die nächste Stadt, wenn die Anzeichen nicht täuschen, ist eine virtuelle Stadt (franz. virtuel, fähig zu wirken, möglich, lat. virtus, Tugend, Tüchtigkeit, Kraft, Männlichkeit), insofern sie sich zum Medium (lat. medium, die Mitte, das Mittel) ihrer selbst macht. Die virtuelle Stadt hebt den in der modernen Stadt territorial noch sichtbaren, aber bereits nicht mehr funktionalen Unterschied zwischen Stadt und Land endgültig auf, indem Stadt, das Miteinanderleben von untereinander Unbekannten, jetzt überall möglich ist. Entscheidend ist, dass Protokolle verfügbar sind, die Zugriffe ermöglichen und definieren, dass Netzwerke ausgewiesen werden können, in denen man sich im Wissen um noch unbekannte, aber absehbare weitere Möglichkeiten bewegt, und dass Grenzflächen bis hin zu No-Go-Areas sichtbar sind, die Abstände schaffen, Gefahrenzonen ausweisen und so das Bewusstsein für die Riskanz jedes virtuellen Zugriffs wach halten.

Die nächste Stadt ist virtuell, (Virtualität ist nicht das Gegenteil von Realität) das heißt sie bezieht ihre Realität daraus, dass sie Formen aller Art medialisiert und so deren Material für andere Formen brauchbar macht. Die virtuelle Stadt ist keine irreale Stadt, sondern eine Stadt, deren Realität in der dauernden Möglichkeit der Umwidmung dieser Realität besteht. Und sie ist auch keine fiktive Stadt, sondern allenfalls eine Stadt, in der laufend neue Fiktionen auf ihre Realitätstauglichkeit hin geprüft, angenommen und verworfen werden können. Die virtuelle Stadt ist eine Stadt, in der Rechner und Rechnernetzwerke dazu genutzt werden, Konstellationen zwischen Bewusstsein, Körper und Kommunikation auszuprobieren, für die bislang nicht nur die Phantasie, sondern vor allem die Kontrollmöglichkeit gefehlt hat. Die Suchmaschinen der privaten Computerbenutzer, die Diagnoseunterstützungsgeräte der Ärzte, die Reutersbildschirme der Aktienhändler, die CAD-Maschinen der Ingenieure, die Gefechtsfeldmonitore des Soldaten, die Modellrechner der Investoren, die Multimediamaschinen der Künstler, die Sicherheitsüberwachungssysteme zahlloser Polizisten, Wächter, Kontrolleure und eine Flut von statistischen Daten, die diesen Computernetzwerken nicht nur zur Verfügung stehen, sondern durch den schieren Umstand ihrer Nutzung aufgefrischt und vermehrt werden (zum Beispiel in der Form von clickstreams), verflüssigen und verdampfen ein weiteres Mal alles Bestehende (Karl Marx) und fangen Kondensate politischer und wirtschaftlicher, technischer und militärischer, kultureller und wissenschaftlicher Informationen auf, von denen man sich bisher vielfach nichts hätte träumen lassen.

Die aktuelle Stadt ist die Überlagerung der antiken, modernen und nächsten Stadt. Stadtplanung und Stadtentwicklung haben es ebenso sehr mit der Geschichte wie mit der Zukunft der Stadt zu tun. Die Geschichte liefert das Material möglicher Einwände gegen den Entwurf riskanter Zukünfte. Die erwartete Zukunft zwingt zur Kritik einer Vergangenheit, die zu wenig auf diese Zukunft vorbereitet hat. Die Gegenwart ist der unklare Ort unabdingbarer Entscheidungen. Leerstellen definieren das eventuell Mögliche.

(Dirk Baecker, Besser wissen, besser wollen: Das Next City Pflichtenheft, März 2009)


2.2 Die Stadt als Bühne

Urbane Konzepte der Gegenwart, die sich einerseits mit den schrumpfenden Städten, andererseits mit wachsenden Agglomerationen auseinandersetzen, die eine Stadtplanung in Planquadraten betreiben oder Bauten der Superlative in die Höhe treiben, ziehen Diskussionen, Begeisterung, Einwände in der Planungs- und Realisierungsphase in vielen Gesellschaftsbereichen nach sich. Nicht selten klaffen die Ansprüche von Wirtschaft, Politik, Bildung, Integration/Migration, Kultur etc. und Stadtplanung auseinander, obwohl oder weil sie in ihren Notwendigkeiten und Bedürfnissen eng aneinander gekoppelt sind. Schliesslich gewinnt man den Eindruck zweier möglicher Szenarien – entweder beflügeln sich die Bereiche oder einer ist des anderen Klotz am Bein. Die Stadt ist eine Bühne, auf der sichtbar und unsichtbar die Protagonisten der Gesellschaft, die in ihr leben und handeln, Auskunft geben über den Zustand der Stadt und das Zusammenleben der Bürger in ihr. Also ist jede Veränderung der Stadt, durch Wege, die verbinden oder trennen, durch Bebauung von Freiflächen, die neue Kommunikationszentren entstehen lassen, aber auch alte Netzwerke von Begegnung zerstören kann, eine grundlegende Veränderung. Es geht nicht um die ideale Stadt, sondern darum, die Besonderheiten einer Stadt, ihre eigene Gewachsenheit aus der Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft zu verbinden. In „Die Schweiz – Ein städtebauliches Portrait“ (R. Diener, J. Herzog, M. Meili, P. de Meuron, C. Schmid, Birkhäuser 2006) betont Jaques Herzog: „Es ist ein grosses Bedürfnis nach etwas anderem entstanden, danach, die Differenz wieder zum Thema zu machen. Anders ausgedrückt: Um wirklich einen Schritt weiter zu kommen, braucht es nun die intime, langsame Arbeit an der Stadt.“ Und weiter heisst es im Abschnitt „Physische Realität: „ Neue Technologien wie Klonen, Reproduktionsmedizin und Biotechnologie scheinen ... ausreichender Beweis dafür, dass unsere Kultur nach dem ewigen Leben strebt. Dieses aber steht für das Ende der Geschichte und das Ende der Realität. Vor allem die Realität hat ... angesichts der Beschleunigung unserer Kultur einen ganz schweren Stand. Auch wir werden mit Haut und Haar von der enormen Beschleunigung des Reisens, des Arbeitens und des Kommunizierens erfasst und strafen deshalb manchmal das Körperliche mit Vergessenheit. Doch meldet sich dieses immer wieder mit Nachdruck zurück. Genauso ist die Stadt aus dem Ärmel des Virtualisierungszaubers wieder aufgetaucht und behauptet sich in ihrer ganzen physischen Realität.“ In den letzten zehn Jahren haben sich Theater und Theaterfestivals intensiv mit dem Stadtraum auseinandergesetzt. Zum einen haben sich die Theaterhäuser geöffnet, sind in die Stadt ausgeschwärmt, haben sich in der Auswahl von Schauplätzen, Stoffen und Protagonisten neuen sozialen Realitäten gestellt. Eine neue Form des Dokumentartheaters mit den „Spezialisten aus dem Alltag“ ist entstanden, die Themen Migration und Parallelwelten stehen verstärkt im Zentrum von Theater- und Tanzproduktionen, die Auseinandersetzung mit der Mediengesellschaft und neuen Technologien wird aus der Perspektive der theatralen Kommunikation geführt. Zum anderen haben die Theaterkünstler aus anderen kreativen Bereichen wie z.B. der Bildenden- und Medien-Kunst, aber auch aus der Architektur und Stadtplanung eingeladen, Projekte zu entwickeln, die die Stadt als Bühne begreifen. Eine inhaltliche und formale Öffnung der Theater findet statt – weg von der reinen literarischen Bühne – hin zu einer Kunstform, die sich als öffentliches Forum für die sozialen Themen der Gegenwart mittels der Vernetzung zeitgenössischer Kunstformen und ihrer performativen Präsentation begreift.


An dieser Schnittstelle schlossen sich das junge theater basel, die Kaserne Basel, das Institut Innenarchitektur/Szenografie (FHNW) und der Bund Schweizer Architekten zusammen und entwickelten gemeinsam mit Schulen und Architekturbüros das Projekt „Stadt.Plan.2020 – Masslose Visionen von Kindern, Jugendlichen & Architekten auf dem Kasernenplatz“.

 
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